Die Preise wurden vergeben, die Akkreditierungsschlangen haben sich aufgelöst, die Berliner Kinos kehren zum normalen Kinoalltag zurück und bevor ab Montag wieder der Hausarbeitenalltag in Bayreuth ansteht, kommen hier die letzten Kurzkritiken.

11 Tage, rund 400 Filme, 32 Spielstätten und jede Menge Warteschlangen. Hier unsere letzte Etappe auf dem Weg durch das Berlinale-Programm – kommentiert von Christopher Dörr, Jasmina Bartl, Julia Mantsch, Lou Salvador Lange, Luis Neumann Pérez, Mirko Hanel, Patrick Fleischer und Victoria Mandl.

Christopher Dörr

  • Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot: Ein merkwürdiger Film, der sich mit Zeit befasst. Wer genug von dieser besitzt und genug Sitzfleisch mitbringt sollte sich definitiv eine eigene Meinung bilden.
  • Profile: Ein Thriller, der ausschließlich auf einem Desktop abläuft. Einen solchen Film habe ich so noch nicht gesehen. Leider wirkt die Story zum Ende hin aber etwas zu konstruiert.
  • Khook: Eine schwarze, iranische Komödie, die das Publikum sowohl mit sehr lautem als auch mit subtilem Humor zum toben gebracht hat und auch nicht davor zurückschreckt, politische Probleme anzusprechen.
  • Unsane: Gewollter Trash ist und bleibt Trash. Wer sein Hirn abschalten kann oder noch nie einen Thriller gesehen hat, kann Spaß mit dem Film haben. Der Kameralook des Iphones passt zum Rest des Films.
  • Genezis: Ein Episodenfilm, der Anhand eines fiktiven Ereignisses aufzeigt, was es für Menschen heißt plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen. Aufgrund von großartigen schauspielerischen Leistungen und wunderschönen Bildern ein sehr sehenswerter Film.
  • When The War Comes: Ein schockierender Dokumentarfilm über eine slovakische, paramilitärische, rechte Organisation, der auf faule Exposition via Offsprecher verzichtet und stattdessen mit starken Aufnahmen überzeugen kann.
  • Yardie: Ich bin in den letzten zwölf Tagen in vier Filmen eingeschlafen. Yardie ist der einzige Film, bei dem ich mich nicht darüber geärgert habe.
  • Twarz: Eine sehr lustige Kommödie, dank der ich Lamoure Toujour für einige Tage nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Abgesehen von dem additiven Storytelling habe ich nichts an dem Film auszusetzen.
  • Yocho (Foreboding): Ich bin mir nicht sicher, ob der Film nun eine Komödie oder ein Thriller sein will. Da er beides nicht hinbekommt, ist das aber irgendwie auch egal.
  • La Casa Lobo: Verstörender Stop-Motion-Animationsfilm, der brillant mit dem Kontrast zwischen gezeichneten Hintergründen und tatsächlichen Gegenständen spielt.
  • Museo: Für eine Kommödie leider eher unlustig. Die Charaktere entwickeln sich nicht weiter, nichts hat Konsequenzen und die Handlung besteht nur aus einer willkürlichen Aneinanderreihung von Ereignissen.
  • The Best Thing You Can Do With Your Life: Überraschenderweise weniger ein Film über eine Sekte und eher ein Film über eine geschwisterliche Beziehung. Die Regisseurin packt es glücklicherweise konstant, ihre eigene Meinung zwar zu äußern, diese jedoch kaum in die Darstellung des Gezeigten einfließen zu lassen.
  • Casanocagen: Notgeile Vögel, Menschen im Club, eine Domina, Kinder im Wald und John Malkovich. Das ist dann wohl Kunst.
  • Die Tomorrow: Episodenfilm über den letzten Tag im Leben von Menschen. Leider sind die Abschnitte zwischen den Filmen interessanter als die Filme selbst und wie so oft schwankt die Qualität der Episoden sehr stark.
  • Das Kongo Tribunal: Das „Film“ in DokumentarFILM steht dort nicht ohne Grund. Dieser Film hat leider nicht verstanden, dass es nicht reicht, stumpf Fakten ohne jegliche Form der Inszenierung zu präsentieren.
  • Black 47: Stumpfer, gutaussehender Rachefilm. Überraschungen sollte man keine erwarten, aber Spaß macht er trotzdem.

Luis Neumann Pérez:

  • Die defekte Katze: Ein ruhiger Film über das (Zwangs-)Eheleben und zwei Charaktere, die von dieser Situation mehr als überfordert sind. Der Film stützt sich voll und ganz auf das Charisma seiner Hauptdarstellerin und hat abgesehen davon leider nicht viel zu bieten. Schade, denn die Thematik der arrangierten Ehe ermöglicht einen Einblick in einen für uns vollkommen fremden Brauch, der überraschend realistisch und unaufgeregt dargestellt wird.
  • Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot: Drei Stunden voller Postkartenphilosophie, in denen die Langeweile des Zuschauers exponentiell steigt. Das mag Absicht sein, damit die krasse Entwicklung der Handlung im 3. Akt ihre volle Wirkung entfalten kann. Bis dahin hatte jedoch die Mehrheit des Publikums den Saal bereits verlassen oder befand sich im Reich der Träume. Langeweile ist eben, egal wie clever man sie zu nutzen glaubt, einfach nur Langeweile.
  • Utoya: Ein Film, der nur schwer in Worte zu fassen ist. Man sollte sich im Klaren sein, was man sich da ansieht und sich fragen, ob man das überhaupt sehen möchte. Die Intention des Filmes ist es, die schrecklichen Geschehnisse des 22. Julis irgendwie erfahrbar zu machen und das gelingt ihm vollends. Eine der intensivsten und grausamsten Kinoerfahrungen, die man machen kann.
  • Unsane: 08/15-Thriller, der nur durch den Fakt beeindruckt, dass er mit einem iPhone gedreht wurde.
  • Foreboding: Japanischer Sci-Fi-Film, der aus seiner interessanten Prämisse jedoch nicht viel macht und gegen Ende leider sehr trashig wird.
  • The Best Thing You Can Do With Your Life: Wie reagieren wir, wenn Verwandte Lebenswege einschlagen, die wir nicht nachvollziehen können?  Die sehr persönliche Dokumentation behandelt die Beziehung der Regisseurin Zita Erffa zu ihrem Bruder László, der sich in Mexiko der christlichen Sekte der “Legionäre” anschließt. Spannend und unterhaltsam zeigt sie das neue Leben ihres Bruders und beleuchtet seine Entscheidung. Eine Dokumentation, die noch sehr lange bei einem bleibt.
  • Profile: Hochspannender Thriller über eine Journalistin, die verdeckt Kontakt zu einem IS-Rekruteur aufnimmt. Obwohl der Film komplett an einem PC-Bildschirm spielt, entsteht zu keiner Sekunde Langeweile. Die originelle Machart und die interessante Geschichte erzeugen eine unglaubliche Sogwirkung, die abseits üblicher Thrillerkonventionen überzeugt.

Patrick Fleischer:

  • In den Gängen: Herrlich inszenierter Film über das Arbeiten im Mikrokosmos Supermarkt. Gabelstaplerfahrten mit klassischer Musik unterlegt: grandios. Leider wird der Film gegen Ende etwas zu konventionell.
  • Twarz: Polnischer Film, der die Strukturen eines kleinen Dorfes aufzeigt. Während der Protagonist sein Gesicht verliert aber nicht sein Charakter reagiert das Dorf umgekehrt. Das Tolle: nach dem Unfall driftet der Film nicht in ein Drama ab, sondern bleibt komisch lustig.
  • Aga: Sehr ruhige Bilder, die große Landschaften zeigen. Schönes kleines Drama, ein Film zum entspannen und für die große Leinwand.
  • Touch Me Not: Der Gewinner des Wettbewerbs hat ein interessantes Konzept mit dem ich aber nicht klar gekommen bin. Einfach nicht mein Fall, auch wenn das Thema viel Potential hat.

Jasmina Bartl:

  • In den Gängen: Fantastische Geschichte um die alltägliche Arbeit in einem deutschen Unternehmen. Die Charaktere sind gemalt wie kleine Kunstwerke. Einer der besten Filme hier.
  • Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot: So intensiv Zeit zu spüren. Selbst zu fühlen wie die Kinder erwachsen werden. Die eigenen Fragen der Gegenwart zu visualisieren. Hat mir sehr gut gefallen.
  • Styx: Die Zwiespältigkeit der Protagonistin ist bei mir angekommen. Ich habe den Film gefühlt.
  • La Prière: Die Thematik ist schwierig. Der christliche Glaube wird romantisiert. Trotzdem hat der Film mir beim sehen gefallen: ein fabelhafter Hauptdarsteller und schöne Bilder.
  • Zwei im falschen Film: Ich fande ihn witzig und reflexiv. Eine gute Idee!
  • Helle Nächte: Hat mich sehr angesprochen. Die skandinavischen Aufnahmen haben sehr die Atmosphäre unterstrichen, die durch die unangenehme Beziehung zwischen Vater und Sohn ausgelöst wurde
  • Bixa Travesty: Ich habe mich ein wenig in die Transfrau Linn da Quebrada – die Protagonistin dieser Dokumentation- verliebt. Genau mein Thema und sehr explizit umgesetzt. Mich hat der Film gepackt.
  • Zwischen denSstühlen: Toller Dokumentarfilm, bei dem man sich ständig fragt, ob das System oder die Referendare das Problem sind.
  • National Birds: Was der Drohnenkrieg mit Tätern und Opfern tut zeigt diese Doku und hat mich gepackt.
  • 3 Tage in Quiberon: Spielfilm über Romy Schneider so nah, als wäre ich selbst dabei gewesen.
  • Twartz: Wenn ich mich für eine Szene auf der Berlinale entscheiden müsste, dann wäre es eine bestimmte aus diesem Film. Genialer Film, bei dem ich sowohl lachen als auch weinen musste.
  • Khook: So verrückt. So witzig.
  • I Had Nowhere to Go: Ein Erlebnis. Ich habe mich drauf eingelassen. Und das erste Mal in meinem Leben habe ich mich vor einem weißen Bildschirm erschrocken.
  • Touch Me Not: Hat mich sehr persönlich mitgenommen. Sex kann Erlebnis, Identität, Angst, Verzweiflung, Kunst sein. Das habe ich gespürt.

Lou Salvador Lange:

  • Unsane: Mit Smartphone gedreht und einen bestechenden Look erschaffen, wohingegen der restliche Film ein Witz ist.
  • Genezis: Eine unglaublich beeindruckende Kinderdarstellung, ein wunderbarer Episodenfilm, der emotional allerdings nicht mitreißt.
  • Brüder: Die Live-Musik im Kinosaal macht die Retrospektive zu einem Erlebnis.
  • Yours in Sisterhood: Gutes Konzept – nur leider verweigert er sich jegliche Haltung zu beziehen.
  • Kiem Holijanda: Technisch schön gemacht, dem Kurzfilm fehlt das gewisse Etwas.
  • Songwriter: Eine Beleidigung für die Berlinale. Jeder Filmstudent hätte einen besseren Regisseur abgegeben.
  • Twarz: Geniale Dialoge, schön gespielt und jederzeit rotzfrech.
  • In den Gängen: Wird niemals langweilig, toll gespielt und trifft die richtigen Töne. Einzig das Ende bleibt hinter den Erwartungen zurück.
  • Ága: Eine sehr ruhige Erzählung über ein Ehepaar, die zum Einschlafen verleitet – im positiven Sinne.
  • Touch Me Not: Eine schlechte, langatmige Umsetzung einer wichtigen und hochinteressanten Thematik.
  • Museo: Solider Film mit ziemlich lustigen Dialogen, der sich manchmal zu sehr an seiner Handlung aufgeilt.