11 Tage, rund 400 Filme, 32 Spielstätten und jede Menge Warteschlangen. Hier unser Weg durch das Berlinale-Programm – kommentiert von Christopher Dörr, Jasmina Bartl, Julia Mantsch, Lou Salvador Lange, Luis Neumann Pérez, Mirko Hanel, Patrick Fleischer und Victoria Mandl.

Luis Neumann Pérez:

  • Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne: Drolliger Animationsfilm, der Kinder durch eine unterhaltsame Geschichte, Erwachsene jedoch eher durch die knuffigen Animationen begeistert.
  • Los Debiles: Eine Rachegeschichte angesiedelt in der gefährlichsten Gegend Mexikos. Wer hier auf  Action, Spannung oder Blutvergießen hofft, wird enttäuscht werden.  Der Hauptdarsteller schweigt sich größtenteils durch den Dialog-lastigen Film und das Publikum rätselt, was ihn bewegen mag.
  • Fotbal Infinit: Die Regeln des Fußballs haben sich über Jahrhunderte hinweg festgesetzt; doch was, wenn man sie noch verbessern könnte? Fotbal Infinit ist das Portrait eines Mannes, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den beliebtesten Sport der Welt zu verbessern. Die Dokumentation zeichnet das Bild eines sturen Träumers, der gegen Spott von allen Seiten bestehen muss und will, um den Fußball auf die nächste Stufe zu heben.
  • Waldheims Walzer: Die Dokumentation behandelt die Kontroverse um Kurt Waldheim, der trotz NS-Vergangenheit UN-Generalsekretär und später Bundespräsident Österreichs wurde. Spannend zeigt Waldheims Walzer Themen wie bewusste politische Amnesie, Machthunger und dass Lücken im Lebenslauf unbedingt überprüft werden sollten.
  • Der Hauptmann: Robert Schwentke serviert nach mittelmäßiger Actionkost (R.e.d.) und filmischen Totalausfällen (R.i.p.d.) eine ultrazynische Kriegssatire, deren abstrus böse Situationen für viel Kopfschütteln und viele fassungslose Lacher im Publikum sorgen dürften.
  • Zwei im falschen Film: Ein Fest für Fans penetrierter Meta-Ebenen, in dem zwei höchst unromantische Charaktere den ausgetretenen Storypfad einer Romcom folgen müssen. Zwar funktioniert nicht jeder Gag, doch die unglaublich starken und durchdachten Bilder machen dies wieder wett.
  • Fikkefuchs: Ekelhaft. Pervers. Extrem. Witzig. Abstoßend. Faszinierend. Widerlich. Ur-Komisch. Fikkefuchs ist eine filmische Orgie an Geschmacklosigkeiten, die einem speziellen Publikum unglaublich viel Spaß bereiten wird.

Julia Mantsch

  • Unsane: Der komplett mit dem Smartphone gedrehte Film macht durch seinen besonderen Look die relativ simple und vorhersehbare Story wieder wett. Man merkt: Das Kamera-Equipment ist nicht allein ausschlaggend für die Qualtität eines Films.
  • Genezis: Starke Bilder, die auch ohne viel Sprache und Erklärungen wirken. Dennoch hat mich dieser Film, trotz bewegender Story, nicht ganz abgeholt. Höchst beeindruckend ist allerdings die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers.
  • Der Hauptmann: Ein explosiver Mix aus schwarzem Humor, teils überzogenen Effekten und einer wahren Begebenheit aus dem 2. Weltkrieg. Das macht „Der Hauptmann“ zu einem Film, der sich schwer einordnen lässt. Definitv nichts für zart Besaitete.
  • Waldheims Walzer: Unheimlich aufwendige und interessante Machart. Wer jedoch mit der Thematik nichts anfangen kann, sollte diese Dokumentation, bestehend aus Archiv-Aufnahmen, eher meiden.
  • Matangi/Maya/M.I.A.: Sängerin M.I.A. gibt Einblicke in ihre Kindheit, die Beziehung zu ihrem Vater (Führer einer Terrorgruppe) und ihr heutiges Leben. Dafür hätte meiner Meinung nach allerdings auch ein simpler Fernsehbeitrag gereicht.
  • Generation Wealth: Eine Dokumentation, die anfangs spannend wirkt, jedoch ihren Reiz ganz schnell durch das ständige und übertriebene in den Vordergrund rücken der Regisseurin als Hauptfigur verliert.
  • Back for Good: Seichtes Entertainement ohne klaren Höhepunkt. Kann man höchstens als Hintergrundbeschallung für einen  Mädelsabend verwenden.

Mirko Hanel

  • Tuzdan Kaide: Sinnentleerter clusterfuck zum Thema ewig leben. „Also maybe johnny is vampire“ – Tommy Wiseau
  • Syn: Eine perfekt inszenierte Doku um die Soldatenausbildung und Trauer um einen gefallenen Bruder. Wird lange bei mir bleiben.
  • Last Child: Hätte bei einer Stunde enden können. Trotzdem ein großes Werk, wenn auch sehr „zu Ende gedacht“.
  • High Fantasy: Blair Witch Project trifft Freaky Friday und beschäftigt sich mit der Apartheid und Schuld. Hat mich manchmal damit überrascht, dass ich ihn echt unterhaltsam fand.
  • Accidence: Toll aber leider zirkulär erzählt. Kann man aber verzeihen. Wo ist Waldo? Irgendwo bei den Balkons dieser Häuserwand.
  • The Green Fog: Gute Match Cuts und einige nette Ideen, die irgendwann nerven. Urheberrechtlich fragwürdige Collage mit seltsamer Aussage. Viel davon wäre vielleicht ein gelungenes 30 Sekunden Youtube Haiku geworden.

Victoria Mandl:

  • Last Child: Sehr gefühlvolle Erzählung zum Thema Trauer und verschiedenen Arten der Trauerbewältigung. Während das langsame Pacing in der ersten Hälfte des Films eine tolle Nähe zu den Figuren erzeugt, so ist die zweite Hälfte doch etwas zu langatmig.
  • Syn: Erstaunlich gelungene Doku, die die Trauer zweier Eltern, die ihren jungen Sohn bei einem Militäreinsatz verloren haben, der Ausbildung junger Männer im russischen Militär gegenüber stellt. Der Film schafft es eine wundervoll beklemmende Stimmung zu schaffen.
  • Les faux tatouages: Sehr gelungener Jugendfilm, der gekonnt narrative Lücken lässt und mit einer unglaublichen Chemie der beiden Hauptdarsteller überzeugt. Ein schönes Portrait, welches die Liebe zur Musik mit dem Thema der Liebe eines Sommers verbindet.
  • L’empire de la perfection: Eine Dokumentation, die definitiv zu viel gleichzeitig wollte. Die Zusammenstellung von massig Archivmaterial zum Tennisspieler McEnroe leidet sehr an dem fehlenden roten Faden und wirkt merkwürdig zerstückelt.
  • High Fantasy: Schöner Jugendfilm mit einem Bodyswap à la Freaky Friday, nur dass die Jugendlichen Hautfarbe und teilweise auch Geschlecht tauschen. Auch wenn die pseudo-dokumentarische Ästhetik manchmal nicht funktioniert ein erstaunlich unterhaltsamer Film.
  • Tuzdan Kaide: Erstlingswerk eines türkischen Kollektivs, bei dem nur sehr wenige Erfahrene oder Professionelle Teil der Crew bzw. des Casts waren. Sieht man dem Film, der sich jeder Linearität verweigert, aber am Episodischen scheitert, leider an.
  • Amiko: Ein süßer Anime in „real life“ : Eine schön schräge Protagonistin, die mit ihrer sozialen Ungeschicktheit bezaubert & sich gleichzeitig nicht schämt anders zu sein. Ein Film der auf jeden Fall Spaß macht. Besonders beeindruckend auch die 20-Jährige Regisseurin, der Lowbudget Produktion.

Lou Salvador Lange:

  • Whatever happens next: Schöner Feel-Good Movie, der leider nicht bis zum Ende konsequent bleibt.
  • Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot: Ein wunderschöner philosophischer Film über Zeit, der mit den Erwartungen der Zuschauer spielt.
  • Der Hauptmann: Gute Ansätze einer ambivalenten Erzählung, die allerdings dramaturgisch viele Möglichkeiten verschenkt.
  • Yardie: Idris Elbas Erstlingswerk ist unlogisch, langweilig und in sich nicht konsistent – eine große Enttäuschung.

Patrick Fleischer:

  • Unsane: Ja, man kann einen tollen Look mit dem iPhone erreichen. Sogar einen ganz besonders stimmungsvollen kafkaesken Look, der sich aber mit der blödsinnigen Geschichte beißt. Ein Technik-Film, der zeigt was möglich ist.
  • Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot: Film ist Zeit und ohne Zeit kann es nichts geben. Eine intensive dreistündige Erfahrung, die mich noch mehr über Zeit und Film nachdenken läßt.
  • Yardie: Sorry Idris Elba, bleib lieber beim Spielen und nicht Inszenieren. Ein total unlogischer und langweiliger Film. Selbst die Reggae-Musik kann nichts mehr gut machen.
  • Der Hauptmann: Ein Mann nutzt die letzen Wochen des Krieges, um seine sadistischen Machtfantasien auszuleben. Klingt vielversprechend, wird aber in dem langatmigen Film nicht gut genug erzählt. Leider sehr viel Potential verpulvert.