11 Tage, rund 400 Filme, 32 Spielstätten und jede Menge Warteschlangen. Hier unser Weg durch das Berlinale-Programm – kommentiert von Christopher Dörr, Jasmina Bartl, Julia Mantsch, Lou Salvador Lange, Luis Neumann Pérez, Mirko Hanel, Patrick Fleischer und Victoria Mandl.

Victoria Mandl:

  • Djamilia: Beruhigte Super8-Aufnahmen mit separat aufgenommenen Toninterviews. Die Regisseurin fängt die Unterdrückung der kirgisischen Frauen gefühlvoll ein, auch wenn der Film an der einen oder anderen Stelle das Tempo hätte etwas erhöhen können
  • Jahilya: Grausamer Film, der in vielen Sequenze einfach nur geschmacklos und sensationsgeil erscheint.
  • L’Animale: Wundervolle junge Hauptdarstellerin & super Sounddesign! Ein Film, der ganz ohne mit dem Finger zu deuten das Thema Angst und die Frage nach der eigenen Identität und besonders wie wir damit umgehen in den Mittelpunkt rückt.
  • Shut up and play the piano: Wirklich gelungenes Künstler-Portrait zu Chilly Gonzales, welches nicht gezwungen versucht hinter die Persona des Künstlers zu gelangen oder viel schlimmer versucht die Illusion aufzulösen, sondern vielmehr den Facettenreichtum & die Exzentrik des kanadischen Entertainers inszeniert.
  • Sleeping Bears: Die ersten zwei Episoden einer israelischen Fernsehserie, die eigentlich gerne ein Thriller wäre, aber durch Schauspiel & Montage eher an eine Soap Opera erinnert.
  • M. I. A.: Eher durchschnittliche Dokumentation aus hauptsächlich eigenem Archivmaterial der Künstlerin entwickelt. Der Fokus lag auf dem politischen Engagement & der sri-lankischen Herkunft von M.I.A. Leider störten die manchmal willkürlich wirkenden Zeitsprünge.
  • Ondes de choc: Getragen wird der Film von dem wirklich überragenden Schauspiel der Protagonistin. Nur einige kleinere Details haben gestört, ansonsten sehr stimmig! Auf jeden Fall einer der bisherigen Favoriten.
  • 14 Apples: Durch Zufall entstandene Dokumentation, die hauptsächlich mit langen Plansequenzen, in denen wenig passiert erzählt. Der Regisseur hat auf eine entspannende und einschläfernde Wirkung gehofft und dieses Ziel erfolgreich umgesetzt, aber auf keinen Fall im negativen Sinne.
  • Je vois rouge: Ganz klar, warum die Regisseurin selbst in dauerhafter Opferrolle im Zentrum der Dokumentation steht bleibt, wurde mir irgendwie nicht. Gewöhnungsbedürftige Aufnahmen und schludriges Editing.
  • Fortuna: Man sieht dem Film an, dass der Regisseur eigentlich Fotograf ist. Ein Film, der mit wundervoll konstruierten Bildern, die mit durchdachter Bildaufteilung und präziser Ausleuchtung glänzen, überzeugt. Die weiten Landschaftsaufnahmen und beruhigten Bilder haben mich persönlich mehr berührt als das Schauspiel der Protagonistin und die eigentliche Handlung.

Mirko Hanel:

  • Menschen im Busch: Restaurierte Aufnahmen aus einer anderen Zeit, Eingeborene aus dem Blick der Weimarer Republik. Hat gerockt.
  • Djamilia: Seltsam, aber es kommen wirklich nur Frauen zu Wort. 8mm schadet leider dem Eindruck etwas. Gewann in der Nachbesprechung enorm.
  • Jahilya: Wer glaubt, man müsste ein lebendiges Huhn für einen Film auf Beton zu einem blutigen Stück Fleisch totschlagen… furchtbar. Furchtbares Schauspiel, schlechte Inszenierung und Requisite aus dem 1-Euro Laden. Dreck.
  • L’Animale: Zwischen dem urigen Österreichisch, dem perfekten Schauspiel, heulende Motorbikes als Vorboten des Konflikts und der wundervollen Kameraarbeit habe ich irgendwo mein Herz verloren. Wer es findet bitte mir wiedergeben.
  • Shut Up and Play the Piano: So geil. Hätte gerne bei der Doku mehr Bier getrunken. Punkrock, Lifestyle und ein bisschen hatte ich Pipi in den Augen. Man muss schon zwischen den Masken lesen.
  • Sleep Bears: Tut so als wäre es ein cooler Thriller, aber dann verliert sich das ganze in einer etwas flachen Soap Opera. Meh. Hätte echt was werden können. Ist es nur eben irgendwie nicht.
  • Trinta Lumes: Irgendwo hat sich die Macherin dafür entschieden keine Doku mehr zu machen und verliert sich in Fiktion. Schade, dass sie sich an ihren eigenen Irrlichtern verliert.
  • Ondes De Choc: Bewegende Fallstudie des blutigen Wahnsinns eines Teenagers, die komplett getragen wird von Fanny Ardant als Esther Fontanel. Spannend, intim, berührend.
  • 14 Apples: Dieser Film begleitet einen länger, als man glaubt. Wie man Schlaflosigkeit besiegt: mit pragmatischen Mönchen und langen Wegen. Meine Augen sind zugefallen und das ist ehrlich hier ein Kompliment.
  • Je vois rouge: Investigatives Dokudrama mit den eigenen Eltern als Widerstand, ständiger Selbreflexivität und müder Konklusion. Mein Nachbar ist echt eingeschlafen. Schlecht einschläfernd.
  • Fortuna: Bombastische Landschaften, Muster, Schnitte und ein schweres Thema, das geschmackvoll bearbeitet wird. Konstruiert ja, aber nicht schlecht. Naturgewalt in Bildgewalt. Muslimischer Gottesdienst ohne Untertitel war so der einzige grobe Schnitzer. Leider sonst zu lupenrein.

Lou Salvador Lange:

  • La Prière: Noch so ein Drogenentzugsfilm, der die Weisheit gepachtet hat, uns aber nur Plattitüden zwischen Binsenweisheiten und Bibelzitaten auftischen kann.
  • Amelie rennt: Liebevoller Kinderfilm im malerischen Nordtirol, der in keiner Sekunde langweilt.
  • Monster Hunt 2: Absurdes Kinder-Monster-Abenteuer-Spektakel aus China, das uns verstehen lässt, wie Familienfilme in China funktionieren.
  • National Bird: Brilliante nüchtern gemachte Doku über den Drohnenkrieg, der einem trotz der Thematik nicht allzu bitter im Magen liegt.
  • Die Vierhändige: Ein schön inszenierter deutscher Thriller, der trotzdem er inhaltlich nichts neues bietet, filmisch und schauspielerisch fein anzuschauen ist.
  • Zwei im Falschen Film: Eine romantische Komödie, die ihren Namen verdient. Komplett kitschbefreit schafft er es lustig, packend und authentisch zu sein und überzeugt außerdem durch seine selbstreflexiven Elemente.
  • Toppen av Ingenting: Zwischen Langweile und Lethargie schwebt diese 80-minütige Einschlafhilfe.
  • Utoya 22. Juli: Das schwere Thema auf die Leinwand zu bringen ist filmisch auf ganzer Linie gelungen – in einer Plansequenz und ohne Musik verliert man komplett das Zeitgefühl. Inhaltlich hat man es sich leicht gemacht durch konventionelle Charaktere und Spannungsbogen
  • 7 Days in Entebbe: Packend, schnell und gut erzählt wird der Film, einzig die Analogie zu einer Tanzperformance ist zwar schön anzuschauen, aber unglaublich lächerlich.
  • The Best Thing you can do With your Life: Wunderbare Doku, die nüchtern aber trotzdem subjektiv mit dem Thema umgeht.
  • The Quest of Alain Ducasse: Solide Doku, die Lust aufs Kochen macht.
  • The Green Fog: Noch nie habe ich so wenig bei einem Film verstanden und war trotzdem so an die Leinwand gebannt.

Patrick Fleischer:

  • La Prière: Toller Film, sehr starke Story mit einem unglaublichen Hauptdarsteller. Ein Favorit.
  • Genezis: Unglaublich tief gehende Geschichte über ein schreckliches Ereignis, welches aus drei Perspektiven aufgearbeitet wird. Eine 9-jährige liefert eine Leistung ab, die ich noch nie gesehen habe. Top Top Top. Dass es ein Favorit ist, ist wohl selbstverständlich.
  • Utoya 22. Juli: Ja, Utoya ist krass, irgendwie schmerzt jede Minute und man hofft einfach, dass es vorbei ist. 72 Minuten können so verdammt lang sein…

Jasmina Bartl:

  • Fikkefuchs: Unglaublich absurd witziger Film über einen Vater und einen Sohn, die das männliche Geschlecht als unterdrücktes empfinden. Eine witzige, eklige, absurde und traurige Reise durch Berlin mit dem Ziel endlich „abspritzen zu dürfen“.
  • Our Madness: Obwohl ich nicht wirklich verstanden habe, was der Film von mir möchte, habe ich mich nicht gelangweilt. Er hat Emotionen ausgelöst und Atmosphäre geschaffen. Dazu ein spannendes Q&A mit einem Regisseur, der das Publikum ausgefragt hat statt umgekehrt.
  • Der beste Film den ich bis jetzt gesehen habe, kommt aus Korea: Old Love. Eine so simple Liebesgeschichte so fantastisch zu erzählen; ohne viele Worte die gesamte Gefühlswelt der beiden Protagonisten nachvollziehbar zu machen, macht den Film zu einem kleinen Kunstwerk.

Christopher Dörr:

  • Fikkefuchs: Bitterböse deutsche Komödie über Männlichkeit, Pickup-Artists und die Beziehung zwischen Vater und Sohn, bei der einem auch mal das Lachen im Hals stecken bleibt. Genau mein Ding.
  • Teheran Tabu: Ein Rotoskop-Animationsfilm über die Probleme in Teherans restriktiver Gesellschaft. Hierbei sind von einer Scheidung bis hin zu einem operativ rekonstruierten Jungfernhäutchen Probleme jeglicher Absurdität vertreten.
  • Hojoom: Iranisches Oneshot Wonder, das man höchstwahrscheinlich mehrmals sehen muss, um es zu verstehen.
  • Fighters: Dokumentarfilm über deutsche MMA Kämpfer. Die Kämpfe werden überraschend gut in Szene gesetzt und hier und da werden interessante Einblicke hinter den Kulissen gewährt.
  • National Bird: Eine Doku mit interessanten, wenn auch teilweise sehr naiven Protagonisten, die teils etwas einseitig berichtet.
  • Gordon Och Paddy: Ein Animationsfilm, der eher nach einer Episode einer billigen Fernsehserie aussieht und nebenbei sehr fragwürdige Botschaften an Kinder sendet.
  • La Priere: Drei Vater unser und deine Sucht ist geheilt. Seems legit. Klappt übrigens besonders gut, wenn man von einer Nonne geschlagen wird.