Wie drei schwarze Frauen nach den Sternen griffen

— Eine Kritik von Daniel Fischer —

Wir schreiben das Jahr 1961. Juri Alexejewitsch Gagarin hat gerade als erster Mensch unseren Heimatplaneten in einer Weltraumkapsel umkreist und damit der Sowjetunion einen deutlichen Vorsprung im Wettlauf zum Mond beschert. Die ameri­kanische Weltraumbehörde NASA ist nun gefordert und muss schnellstmöglich diesen Rückstand wieder wettmachen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die drei brillanten Mathematikerinnen Kathrine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Aufgrund ihrer Hautfarbe, sie sind Afroamerikaner, müssen sie sich allerdings nicht nur mit den Herausforderungen der Weltraumforschung sondern auch mit den, zur damaligen Zeit noch sehr präsenten, Geschlechter- und Rassengrenzen auseinandersetzen. Diese, auf einer wahren Bege­benheit beruhende, Geschichte erzählt der Film Hidden Figures – Unerkannte Hel­dinnen von Theodore Melfi der am 2. Februar in den deutschen Kinos anlief.

Ein amerikanischer Film in dem sich drei afroamerikanische Frauen allen gesell­schaftlichen Ungerechtigkeiten entgegensetzen um an dem amerikanischen Traum, einen Menschen ins Weltall zu befördern, teilzuhaben? Das klingt ver­dächtig nach der Story eines Oscar-Gewinners! Und in der Tat war Hidden Figures bei den vergangenen Verleihungen in drei, nicht gerade unwichtigen Kategorien, no­miniert. Dass darunter auch eine Nominierung als Bester Film zu finden war verwun­dert, angesichts der Ausrichtung der amerikanischen Filmindustrie, kaum.

„Anything could happen tonight! So many possibilities! Possibility number one, 12 Years a Slave wins Best Picture. Possibility number two, you’re all racists.“ Dieser flapsige und nach dem Ende der 86. Verleihung durchaus heiß diskutierte Kommen­tar der damaligen Moderatorin Ellen DeGeneres spiegelt das wieder, was viele Zuschauer und Filmfans an den Academy Awards kritisieren. Man wird manch­mal den Eindruck nicht los, dass gewisse Filme eine Nominierung oder einen Oscar nur deshalb bekommen, weil sie sich mit heiklen Gesellschaftsthemen der amerikani­schen Vergangenheit oder Gegenwart beschäftigen. In diesem Fall mit dem wahr­scheinlich heikelsten überhaupt, dem Rassismus. Aber trifft dies auch auf Hidden Fi­gures zu? Oder hat der Film doch etwas mehr zu bieten?

Zugegeben, vor allem zu Beginn des Films wird ein regelrechtes Feuerwerk des Kli­schees abgebrannt. Kaum eine Situation des täglichen Lebens, in der die amerikani­sche Rassentrennung spürbar wurde, wird ausgelassen. Man gewinnt fast den Ein­druck, einem vertraulichen Therapeutengespräch der amerikanischen Filmindustrie beizuwohnen, welche sich all die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit von der Seele reden möchte. Die Darstellungsweise ist dabei oftmals schon fast ins Lä­cherliche überzogen. Sobald eine der drei Frauen einen Raum (der hauptsächlich von weißen Wissenschaftlern bevölkert ist) betritt, scheint plötzlich alles still zu stehen. Sie werden beäugt wie ein seltenes Tier oder außerirdisches Lebewesen, dass zum ersten Mal zu sehen ist. Dass die talentierte Mathematikerin Kathrine Johnson in ei­ner dieser Situationen unter anderem mit einer Putzfrau verwechselt wird, überrascht dem­nach nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass das von rassistischen Vorurteilen unberührte Auftreten des amerikanischen Weltraumhelden John Glenn, gespielt von Glen Powel, geradezu zelebriert wird.

Trotzdem hat der Film eine Qualität der diese, nicht gerade subtil ausgestalteten Sze­nen, schnell vergessen lässt. Besonders die Interaktionen zwischen den drei afroame­rikanischen Frauen sind dabei hervorzuheben. Taraji P. Henson, Octavia Spancer und Janelle Monáe verkörpern ihre Rollen mit einer Hingabe und Energie die einfach überzeugt und eine glaubhafte Freundschaft zwischen den drei Charakteren erahnen lässt. Der guten Chemie zwischen diesen dreien ist es auch zu verdanken, dass der Film in regelmäßigen Abständen für einige beherzte Lacher sorgt. Aber auch in den emotionaleren Szenen wissen die Protagonisten zu überzeugen und ziehen einen, mit ihrem Schauspiel, in deren Bann. Auch wenn der romantische Subplot des Films eher wie eine lästige Pflichterfüllung als eine wirkliche Bereicherung für die Geschichte abgearbeitet wurde. Eine Achterbahnfahrt der Emotionen ist aber dennoch garantiert.

Ihre männlichen Mitspieler können mit ihrer Leistung allerdings leider nicht immer mithalten. Während Kevin Costner eine gewohnt gute Arbeit abliefert, enttäuscht Jim Parson in der Rolle des Wissenschaftlers Paul Stafford ein wenig. Wenngleich der von ihm gespielte Charakter durchaus Parallelen zu seiner Paraderolle in der Serie The Big Bang Theory aufweist, wirkt sein Schauspiel oftmals etwas zu teilnahms- und emotionslos.

Der von Margot Lee Shetterly adaptierte Roman wird durchgehend spannend und mitreisend erzählt und lässt die 122 Minuten Filmdauer wie im Flug vergehen. Die gute Kinematographie, inklusive unzähliger Archivaufnahmen, verleihen dem Film darüber hinaus Stellenweise einen fast schon dokumentarischen Touch, der trotz der Komplexität des Themas nicht abschreckend wirkt.

Sollte man den unerkannten Heldinnen also eine Chance geben? Absolut! Wenn man sich von plakativen stereotypischen Darstellungen und einer gewaltigen Ladung amerikanischen Patriotismus nicht sofort die Laune verderben lässt, wird der Film durchaus zu begeistern wissen. Denn trotz all der lauten, patriotischen Parolen von Kevin Costner und den, ebenso stimmgewaltig dargebrachten, öffentlichen Anfeindungen gegenüber Afroamerikanern hat der Film seine Stärken vor allem in den ruhigen Szenen. Szenen in denen die Interak­tion zwischen den, teilweise sehr verschiedenen, Charakteren im Mittelpunkt steht und deren persönliche Weiterentwicklung sich dadurch gut erkennen lässt.

Der Film lässt einen den Kinosaal mit einem guten Gefühl und einem Lächeln auf den Gesicht verlassen. Er macht Hoffnung und zeigt das es möglich ist, auch die größten kulturellen oder gesellschaftlichen Differenzen hinter sich zu lassen. Be­sonders in der heutigen Zeit sendet der Film damit eine enorm wichtige Botschaft, welche nicht nur an das amerikanische Volk gerichtet sein sollte.