Vom Suchen und nicht Finden

— Eine Kritik von Ildikó Mod

In Michelangelo Antonionis 1982 erschienenen Film „Identifikation einer Frau“ (original: „Identificazione di una donna“) geht es um den Regisseur Niccolò Farra (Tomas Milian) und seiner Suche nach seinem Idealbild einer Frau. Doch was genau diese Frau ausmachen soll oder wie sie aussieht weiß er nicht. Seine Suche besteht auf zwei Ebenen. Zum einen sucht er eine Hauptfigur für sein neues Filmprojekt. Die Handlung dessen steht noch nicht fest, er weiß lediglich, dass es um eine Frau gehen soll.Zum anderen sucht Niccolò auch eine Frau an seiner Seite. Er ist geschieden und lernt die junge Mavi Luppis (Daniela Silverio) kennen. Sie stammt aus der gehobenen Gesellschaftsschicht, wirkt sprunghaft und doch nachdenklich. Er beschreibt sie sei voll von Gegensätzen, sowohl bitter als auch süß. Die Beziehung der beiden ist geprägt von Erotik und daraus resultierenden expliziten Liebeszenen. Sie unterhalten sich auch, doch wirkt es eher als würden sie aneinander vorbeireden. Nur selten gehen sie aufeinander ein und tun sie es doch, provozieren sie sich meist und enden in einer Diskussion oder mit schweren, stillen Blicken.
Mavi begleitet Niccolò zu einem großen Teil des Films und verschwindet plötzlich nach einer gemeinsamen Nacht auf dem Land. Seit dem Mavi und Niccolò miteinander verkehren hat er das Gefühl verfolgt zu werden. Um diesem Gefühl zu entkommen fliehen sie durch Nacht und Nebel aufs Land. Niccolò fährt jedoch zu schnell für die Wetterlage, Mavi hat Angst, rennt aus dem Auto und sie verlieren sich. Für einen Moment glaubt man, man hätte sie zum letzten Mal gesehen, doch da sitzt sie wieder auf ihrem Platz als sei nichts gewesen.
Im Landhaus angekommen geht der Streit jedoch weiter. Sie hat nicht das Gefühl, dass Niccolò sie liebt und fordert die Worte ein, wofür er nicht bereit ist. Nach einer weiteren erotischen Nacht wacht er in der leeren Ferienwohnung auf, Mavi ist verschwunden.
Nach ein paar erfolglosen Suchversuchen lernt Niccolò die ebenfalls wesentlich jüngere Schauspielerin, Ida (Christine Boisson) kennen. Sie lebt auf dem Land und reitet gern, die Beziehung zu ihr ist wesentlich bodenständiger. Es gibt lange Gespräche statt Erotik und Zärtlichkeiten statt Provokation. So schnell die Beziehung wächst endet sie auch wieder, da Ida von ihrem Exfreund schwanger ist und sich entschließt, des Kindes wegen zu ihm zurückzukehren. Niccolò bleibt allein zurück und konnte weder in seinem Privatleben noch für seinen Film eine Frau finden. Stattdessen entschließt er sich, statt den Frauen, das Universum und fremde Galaxien zu erforschen und geht dem Vorschlag seines jungen Neffen nach, einen science fiction Film zu drehen.
Neben Mavi und Ida gibt es noch mehrere kleine Episoden mit anderen Frauen, wir Freundinnen der beiden oder Niccolòs Schwester. Das Gefühl, von Niccolòs Suche wird durch die Kamera verdeutlich, die oft durch den Raum gleitet und Frauen unterschiedlichen Alters, Größe und Statur zeigt.

Ein Gegenwartsbezug zu Antonionis „Identifikation einer Frau“ ist nicht wirklich herzustellen. Spielort ist Italien in den 80er Jahren, der Einfluss der Kirche sinkt, die Staatsverschuldung steigt. Letzteres spricht Niccolò auf der Soiree an, wenn er bemerkt, dass früher die arme und nun die reiche Bevölkerungsschicht emigriere.
Sowohl Mavi als auch Ida stellen einen starken, unabhängigen Typ Frau dar. Ihre Erscheinung ist durch die kurzen Haare recht Burschikos und sie sind beide nicht um einen frechen Konter verlegen. Man könne meinen dem Film schwänge ein Hauch Feminismus mit, der durch die Frauenbewegung in den 70er Jahren in Italien stark vorangetrieben wurde. Leider kann man wirklich nur von einem Hauch sprechen, der durch die starken Charaktere von Mavi, Ida und Niccolòs Schwester zustande kommt., aber nicht stark genug ist, da sie stets durch Niccolòs Subjektive Wahrnéhmung charakterisiert werden.
Die Rolle der Frau im Film wird in Antonionis Werk sowohl intra- als auch exradiegetisch thematisiert. Ein Regisseur, auf der Suche einer weiblichen Figur, ein Publikum, das sowohl dem Regisseur Niccolò im Film, als auch Antonioni selbst bei der Suche begleitet. Diese Suche verläuft jedoch sehr oberflächlich. Um sich zu inspirieren hängt Niccolò Fotos verschiedenster Frauen an eine Pinnwand, beschäftigt sich jedoch nicht mit ihren Persönlichkeiten oder Errungenschaften, sondern lediglich den äußeren Merkmalen. Selbst wenn er Ida die Geschichte eines Terroristenpaares erzählt, deren Bilder an der Pinnwand hängen betont er neben seiner Auffassung, dass Paare die gleiche Leidenschaft und den gleichen Faschismus an den Tag legen müssten, dass die Frau ihre Familie für diesen Mann verlassen habe. Er geht jedoch nicht auf ihre Taten ein.
Auch wenn Mavi ihm von ihrer Sicht auf die Gesellschaft und Politik erzählt, reagiert er mit einem spöttischen Grinsen unterstützt von einem abschätzigen Kommentar und gespielter Überraschung, dass sie sich für Politik interessiere. Ebenso glaubt er ihr nicht, wenn sie ihm sagt, dass sie doch wohl wissen müsse, wenn sie einen Verfolger hätte. Statt sich für ihren Hintergrund zu interessieren und sie direkt zu fragen, konzentriert er sich auf das von ihm erschaffene Bild des Verfolgers.
Ein weiteres Beispiel für Niccolòs fadenscheiniges Interesse an den Frauen ist eine Szene im Schwimmbad, in der er auf eine Freundin Mavis trifft. Mavi ist bereits verschwunden und er ist auf der Suche nach ihr, fragt die Freundin jedoch erst einmal über ihr Liebesleben aus. Er hat kein Verständnis dafür, dass sie sich von Sex und Männern nicht angezogen fühlt und die Masturbation vorzieht. Erst als klar wird, dass sie Sex mit Mavi hatte möchte er mehr wissen, um dann mit einer eiligen Frage nach deren verbleiben das Gespräch zu beenden.

Die Handlung ist voll von Dialogen, die jedoch zum größten Teil sehr lakonisch wirken. Niccolò sucht etwas, will sich ein Bild von den Frauen machen, aber nimmt die Aussagen seiner Partnerinnen nicht ernst, beachtet sie teilweise nicht einmal.
Der Film schreitet voran, lässt Situation wie das Kennenlernen und den Aufbau einer Beziehung, sowohl wie die Trauer um deren Ende aus und wirkt durch die ausgedehnten Unterhaltungen und Schweigepausen trotzdem sehr ruhig und langsam. Oftmals verharrt die Kamera noch einen Moment auf den Schauplätzen und Szenen, nachdem die Protagnisten das Bild verlassen haben. Dieses Verharren entschleunigt den Film sehr. Zudem erhält man einen Einblick, in den weiteren Verlauf der Handlungsstränge, die nicht im Film gezeigt werden.
Auffällig ist jedoch, dass die Zeitsprünge zwischen den Szenen im Laufe des Filmes immer größer werden. Die Beziehung zu Mavi wird deutlich ausführlicher dargestellt, als die zu Ida. Die Trennung nachdem sich eben erst die Liebesbeziehung aufgebaut hat kommt so schnell, dass man meinen könnte, der Film hätte es eilig fertig zu werden.

Die 1983 in der Zeit erschienene und von Karsten Witte verfasste Filmkritik mit dem Titel „Schön sucht Lulu“ zu Antonionis „Identifikation einer Frau“ ist übersäht mit Vergleichen. Fast schon poetisch betrachtet Witte einzelne Szenen und Sachverhalte und stellt sie Situationen oder Bildern gegenüber. So beschreibt er die Lässigkeit von Daniela Silverios Darstellung von Mavi, in dem er sie mit einem Lichtdouble vergleicht, das eben einspringt und gar nicht bemerkt, wie die Kamera läuft. Mit dieser Umschreibung betont er auf subtile Art und Weise die Natürlichkeit der Darstellerin, das realistische, aber doch nicht zu bemühte Spiel. Witte schafft es in vielen seiner Kritiken mit kreativen Umschreibungen, Bewegungen, Gestiken und Stimmungen, der Darsteller zu vermitteln.
Dass ein Vergleich jedoch auch zu weit getragen werden kann beweist neben dem Titel auch die Gleichsetzung der Filmästhetik mit einem „Geschenk auf dem Gabentisch des Knabenglücks“. Die beiden Frauen, die Niccolò im Film zu verschiedenen Zeitpunkten an seiner Seite hat werden als Schutzengel beschrieben, ohne dass dies genauer erläutert wird.
Hinzu kommen Wertungen, die keine sind. Bei seinem Vergleich der beiden Frauen mit Schutzengeln schreibt Witte, dass sie „sich ihrer Traditionspflicht lächelnd entziehen“. Auch zu Beginn der Kritik beschreibt er, dass „der Versuch eines Frauenbildes habhaft zu werden, […] in den Attitüden des Forschers stecken […] [bleibt]“.  Es wird jedoch nicht beschrieben, inwiefern sich diese Attitüden äußern bzw. worin sie bestehen. Auch wird nicht erklärt an welcher Stelle die Frauen die Tradition hintenanstellen.
Am Schluss zieht Witte einen sehr weiträumigen Vergleich zu Wedekinds Lulu, da Niccolòs Idealbesetzung, Stummfilmstar Louise Brooks, in einer Verfilmung die Lulu darstellte. Ohne zu begründen weshalb, stellt er fest, dass Niccolò ein guter Doktor Schön sei. Der Leser, der Wedekind nicht gelesen hat und darum diese Referenz, die auch den Titel prägt nicht versteht, hat Pech. Dieses Gefühl gibt einen Wittes teilweise komplex formulierte, mit Fremdwörtern gespickte Kritik öfter. Witte schreibt keine Kritiken, die Jedermann verstehen soll. Er schreibt für Film- und Kulturenthusiasten, die sich in ihrem Metier auskennen, er selbst wird oft als cinephil bezeichnet.
Der im Alter von 51 Jahren verstorbene Filmkritiker ist dafür bekannt, Feuilleton und Wissenschaft zu kreuzen und besonders hohen Wert auf Intellekt zu legen. Hollywood interessierte ihn nicht, stattdessen beschäftigte er sich vor allem mit Filmen aus Italien, Frankreich, Deutschland (vor allem in der NS und Nachkriegszeit), Japan und Afrika. Besonders bekannt ist er als Herausgeber von Kracauers Werkausgabe und als Lehrstuhlinhaber der Filmwissenschaftlichen Lehrstuhls an der freien Uni Berlin von 1992 bis zu seinem Tod 1995.
Witte gilt als Vertreter der Frankfurter Schule, eine eigene Meinung in Ich-Form ist aufgrund dessen nicht in seinen Kritiken zu finden. In einem Vorwort zu „Schreiben über Film. Hommage an Karsten Witte“ heißt es: „Die emphatische Beschreibung subjektiver Befindlichkeiten hatte für ihn nichts im Nachdenken über Film verloren“.

In seiner Kritik betont Witte die Ähnlichkeit zwischen Mavi und Ida, die er wiederum als Statthalterin bezeichnet. Dabei sind sich die beiden nur insofern ähnlich, dass sie ihr Haar kurz tragen und durchaus hübsche, junge Frauen sind. Ansonsten sind die geprägt von Gegensätzen. Mavi lebt in der Stadt, verkehrt in hohen Kreisen, hat eine sehr kühle und oft auch abweisende Haltung. Ihre Beziehung zu Niccolò ist sehr Leidenschaftlich und trotzdem distanziert. Ida hingegen lebt auf dem Land, wirkt viel bodenständiger und arbeitet als Schauspielerin. Sie scheint sehr herzlich und verletzlich zu sein. Wo bei Mavi eine kühle Arroganz in den Augen funkelt, ist es bei Ida Hoffnung gemischt mit Unsicherheit. Ihre Beziehung zu Niccolò ist wesentlich liebevoller und herzlicher. Sie unterhalten sich mehr. Obwohl Mavi einen wesentlich größeren Teil der Story ausmacht, lernt der Zuschauer wesentlich mehr über Ida. Sie erzählt mehr von sich und ihrem Denken über das Leben. Und diesmal hört Niccolò auch ab und zu zu.

„Identifikation einer Frau“ beschreibt die Suche nach einem Idealbild einer Frau. Kein Wunder also, dass der Protagonist nicht fündig wird. Abgesehen davon, dass ein Mensch nur schwer einem Ideal entsprechen kann, schaut der Suchende nur auf der Oberfläche. Witte bemerkt dies gleich zu Beginn seiner Kritik und kreiert mit Hilfe seiner kunstvollen Vergleiche Bilder im Kopf des Lesers. Seine Schreibstil ist sehr anspruchsvoll, wer nur eben einmal schnell ein paar Zeilen überfliegen möchte ist bei Witte falsch.

 

Quellen:

Kammerer, Dietmar: „Stefanie Diekmann (Hg.): Schreiben über Film. Hommage an Karsten Witte“. (2011).In: MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews 2011/2, S. 211 – 213. Online: http://archiv.ub.uni-marburg.de/ep/0002/2011/13/252/
(Letzter Zugriff: 16.06.2017).

Nord, Christina: Das Filmfeuilleton der „FR“. Als das Sehen noch lehrbar war“. (2012). Online: http://www.taz.de/!5078945/ (Letzter Zugriff: 16.06.2017).

Prinzler, Hans Helmut: „Filmliteratur Nachruf. 14. November 1995. Karsten Witte (1944-1995). Nachruf für den SDK-Newsletter“. (1995).
Online: http://www.hhprinzler.de/1995/11/karsten-witte-1944-1995/
(Letzter Zugriff: 16.06.2017).